Mama. Alltagsheldin.

Mama hatte Geburtstag, ich hab ihr was geschrieben und gefragt ob ich es veröffentlichen darf.

Es ist jedes Jahr das gleiche Spiel: “Mama, was wünscht du dir zum Geburtstag?” “Nüscht” Jedes Jahr gehe ich dann natürlich trotzdem los & besorge etwas, klassischerweise oft ein Buch, denn Mama liest gerne. Nur dieses Jahr wird’s anders. Dieses Jahr möchte ich gerne mal ihre Geschichte zumindest kurz aufschreiben, denn ich finde wir hören sie viel zu selten, die Geschichten unserer Mütter, Alltagsheld_innen. Ich habe wohl großes Glück gehabt mit meiner… 

Geboren Anfang der 50er, als erste von 2 Schwestern in einer Kleinstadt in Niedersachsen, ihre Mutter gerade erst Anfang 20, gelernte Haushälterin aber dann doch ihr ganzes Leben Hausfrau geblieben, Vater, Tischler- & Elektriker & professioneller Mansplainer, lange schon bevor es das Wort überhaupt gab. unangenehmer Mensch. Und dann sind da noch die Großeltern, Oma Maria, deren Namen ich erbte. Es gibt schöne Geschichten, ich glaube sie waren wichtige Menschen für meine Mutter. 
Meine Mutter wollte Kinderkrankenschwester werden, an der Grundschule entschied man sie könne höchstens auf die Hauptschule, das Wort der Lehrer war Gesetz, also macht sie danach eine Ausbildung zur Schneiderin & später ihren Meister. Früh weg von den Eltern, denn die sind nur schwer zu ertragen, besonders der Vater, der seinen Töchtern auch schon mal heimlich hinterherschleicht wenn sie ausgehen. Mit 15 lernt sie im Schwimmbad meinen Vater kennen und auch wenn beide zwischendurch andere Partner_innen haben, enden sie doch wieder beieinander. Fernbeziehung inklusive. Papa, der öfter mal die Chance nutzt vom Wehrdienst zu ihr zu fahren, ist für mich immer eine lustige Vorstellung. Ich habe die Beziehung der beiden nie als besonders romantisch wahrgenommen aber als ehrliche Zuneigung füreinander, die bis heute besteht. Anfang 20 geht es nach Berlin, meine Mutter hat hier einen Job & wohnt zur Untermiete. Mein Vater kommt erst später nach. Geheiratet wird irgendwann auch, vor allem, weil man zusammenziehen möchte. Meine Mutter kämpft mit Depressionen, etwas was damals noch kaum jemanden interessiert hat, besonders nicht ihre Eltern, aber sie hat Glück und findet eine Therapeutin, die sie ernst nimmt & sie wird die Krankheit tatsächlich los. Ich denke, spätestens das ist der Punkt an dem sie entscheidet es anders zu machen als ihre Eltern. Sie beginnt einen Job, den sie bis heute macht & liebt. In einem Kostümfundus stattet sie Filme, Theater & Privatmenschen mit vor allem historischen Kostümen aus, manchmal macht sie die Arbeit der Kostümbildner_innen noch oben drauf, Credits bekommt sie dafür nur selten, sie ist die unsichtbare im Hintergrund aber ich sitze immer sehr stolz im Kino und sage “die Kostüme da, das war Mama”. Sie engagiert sich in der Gewerkschaft, auch für Frauenrechte, ist im Betriebsrat, geht auf Demos. So richtig bewusst wird mir das erst in den letzten Jahren, vielleicht auch weil es immer eine Selbstverständlichkeit war. Später wird sie dafür gemobbt, bricht irgendwann zusammen, rappelt sich wieder auf & ändert ihre Strategie, hört aber nie auf sich für Arbeitsrecht einzusetzen. Ist auch ehrenamtliche Richterin beim Arbeitsgericht & inzwischen wieder im Betriebsrat.
und sie macht noch etwas anderes: in dem sie arbeiten geht, sorgt sie dafür, dass mein Vater sein Studium (was er kurz vor Abschluss abbricht) und seine Ausbildung machen kann. [Inzwischen verdient natürlich er mehr Geld, hello pay gap.]
Ich bin Wunschkind, lasse mir aber Zeit. Mitte 30 ist Mama als ich komme. Elternzeit gibt es noch nicht also fängt sie bald wieder an Vollzeit zu arbeiten, ich gehe zur Tagesmutter & in den Kindergarten (meine Faschingskostüme waren auch immer die coolsten, dank Mama). Als ich zur Schule komme geht sie in Teilzeit, ich gehe nach der Schule solange zu einem Freund. Dann kommt meine Teenagerzeit und stellt meine Eltern & mich auf eine harte Probe. Allerdings bleibt das gegenseitige Vertrauen immer in Takt. Ich möchte die Details (die übrigens nie etwas mit Drogen jeglicher Art zu tun hatten) gerade nicht wieder hochholen sondern lieber die Erinnerung daran, dass meine Mutter immer für mich & meine Freunde da war & trotz aller Schwierigkeiten sagt sie würde es wieder tun. Als ich mit 20 schwanger werde und der Kindsvater abgeschoben werden soll, kämpft sie wie eine Löwin. Inzwischen ist sie nicht nur die beste Mama, die sich eins wünschen kann, sondern auch die beste Oma. Natürlich ist nicht immer alles perfekt, natürlich gibt es Streit, natürlich gehen wir uns auf die Nerven, aber weil es Kommunikation gibt, die mich nie bevormundet hat, findet sich immer wieder ein Weg. Dafür bin ich so unendlich dankbar. Meine Mama ist auch diejenige, die mir beigebracht hat sich nicht alles gefallen zu lassen, eine Kämpferin, die es geschafft hat unabhängig zu bleiben. Manchmal wünsche ich mir sie könnte jetzt zur Ruhe kommen. Ihre Energie mehr für sich nutzen. und mehr Anerkennung für ihre Arbeit. Das hätte sie verdient. Ich arbeite dran. 
Happy Birthday Mama. Ich hab dich lieb. ❤️

No Justice. No Peace. (to be continued)

Es ist kurz vor 2 als ich aufwache & aus einem selbst antrainierten Reflex heraus das Handy greife. Ich lese, dass die Grand Jury Entscheidung zu dem Mord an Mike Brown kurz bevorsteht & lese dass die Polizei sämtliches Geschütz auffährt & die Aktivist_innen sich gegenseitig Kraft schicken, ich kann vor Angst nicht wieder einschlafen und halte es kurz für albern. Ich gehe meine Gedanken & Tweets des gestrigen Tages noch mal durch. Wie berechtigt ist meine Angst? Angst nicht um mich wohlgemerkt… Angst vor der Welt in der wir Leben & um die Zukunft unserer Kinder. Es ist nicht albern. Es hängt alles zusammen. Struktureller & institutioneller Rassismus sind die Gründe für das was gerade passiert. In den USA und hier und in Westafrika. Deshalb werde ich auch so wütend wenn priviligierte weiße Menschen ganze Blogtexte verfassen dazu warum BandAid total super ist und alle die das kritisieren nur Chefzyniker sind. Währenddessen tausende Rassist_innen auf deutschen Straßen.
Kurz nach 3 … warten.
Inzwischen ist es Viertel vor 4. es wird keine Anklage geben, keine Gerechtigkeit. hilflose Wut. Ich kann nicht mal weinen.
Erst letzte Nacht wurde wieder ein Schwarzer Junge von der Polizei ermordet. Er war 12. Sein Name war Tamir Rice. Alle 28 Stunden. warum gibt es keine Soli Aktion in Berlin?
Ich hab keine Worte mehr. Lasse meine Timeline sprechen. Meine Gedanken gehen raus an die Aktivist_innen und die Familien, die Mütter der toten Kinder. Ich kann nur ahnen wie es ihnen geht. Ich hoffe heute Nacht muss niemand mehr sterben. Nicht, weil ich gewalttätige Proteste fürchte sondern gewalttätige Polizei. und was sage ich meinem Kind? Das sie nicht sicher ist?

Denn es ist nicht besser hier in Deutschland. Nur weniger öffentlich. Rassismus als das große unausgesprochene Geheimnis, das jede_r kennt. Ich möchte rausgehen und #BlackLivesMatter an jede scheiß Hauswand schreiben. Überlege was ich tun kann… einfach mal alle Schwarzen Kinder / Kinder of Color einen Tag unentschuldigt ohne Vorwarnung nicht zur Schule sondern zu Empowerment Workshops schicken? Ob es Ihnen dann auffallen würde, dass über die Hälfte ihrer Zukunft nicht anwesend ist? Ich weiß es nicht, ich suche weiter nach Worten… Währenddessen schießt die Polizei mit Tränengas & anderen Dingen gezielt auf Rückzugsorte der friedlich Protestierenden & die Medien berichten von gewaltvollen Ausschreitungen, als gäbe es keinen Grund dafür.
#BlackLivesMatter

der Text ist und wird mehrfach editiert, ich suche noch nach Worten